Von Jenka

Die Macht der Nacht. Wusste schon Westbam und hat deshalb gleich seine Biographie so genannt. Du gehst in eine (Retro-)Bar, die in der Ankündigung für diesen Abend mit „großer Tanzfläche, tanzbarer Musik und erfrischenden Getränken“ geworben hat. Dass die Größe der Tanzfläche nur eine Lüge sein kann, war schon vor Vertragsabschluss für diese Nacht klar. Selbst Pressemitteilungen, die inflationär mit dem Wort „innovativ“ um sich werfen, haben für gewöhnlich mehr Wahrheitsgehalt. Aber passt schon – wer zum Tanzen Platz möchte, gehe in eine schmierige Großraumdisse, wo die Bierkreise auf dem Boden zuverlässiger sind als die Jahresringe von Bäumen. Getränke – ebenfalls geschenkt, notfalls wird man da ja zu später Stunde auch gern mal anspruchsloser. Aber Musik. Gute Musik. Tanzbare Musik. Da sind Ausnahmen nicht erlaubt. Leider ist tanzbar nicht immer gut und gut nicht immer tanzbar. Egal, Hauptsache tanzbar. Scheiß auf gut. Auch hier kann ich meine Ansprüche runterschrauben. Mit dem erhofften Soul oder Rock ‘n’ Roll, den sweet 50’s oder swinging 60’s, hatte die Tonkunst aber nicht viel zu tun – eher mit seichten 2010‘s. Da geht’s schon los – man kann dem Jahrzehnt nicht mal eines dieser großartigen Synonyme verleihen. Nicht mal dafür reicht’s. Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz. Hat schon Friedrich Nietzsche gesagt. Zur Verteidigung des DJ’s: Musik war früher immer besser. Das ist eines dieser feststehenden Naturgesetze. So wie “Wir waren als Kinder früher nie so schlimm!” oder „Früher hat es Weihnachten immer geschneit“. Man kann einfach nichts dagegen tun. Zu meiner eigenen Verteidigung: immerhin weiß ich um meine musikalische Intoleranz. Meine Freundin fing aus lauter Verzweiflung sogar an, zu Taylor Swift zu tanzen. Während ich in Gedanken meine Fürbitte für sie vorbereite, wünsche ich mir zu unser aller Rettung Donna Summer herbei. Hot Stuff, das wär’s jetzt. Im Hintergrund singt immer noch die lauwarme Taylor. Meine Gedanken steigen in den DeLorean.

Wenn schon kein ganz altes Zeug, das eigentlich zum Interieur des Ladens gehört, dann doch wenigstens ein schöner halbgarer Kompromiss. 80’er und 90’er gehen immer bei tanzwütigem Volk – bei mir sogar nüchtern. Auf einmal werden meine Gebete erhört. „Everybody groove to the music, everybody jam. We’ve been waiting so long, just can’t hold it back no more“. Wenn die Backstreet Boys 1995 schon gewusst hätten, wieviel Wahres sie in diesem Song besingen! Time for me to let it goooo! Lasse mich kurz zu dem Gedanken hinreißen, dass in den 90’ern nun aber wirklich alles besser war. Gut, außer Los Del Rio vielleicht. Und Lou Bega. Und Sarah Brightman & Andrea Bocelli. Time To Say Goodbye haben die Genannten zum Glück wörtlich genommen. Wenigstens was tanzbare Mainstream-Hits anbetrifft. Ich sehe ein, war doch nicht alles besser. Aber wir hatten Marky Mark. Und Calvin Klein hatte ihn auch. Alle waren glücklich. Irgendwann läuft ein Song von Marlon Roudette. Das bringt mich wieder darauf, dass gefühlt alle Duos der glorreichen Eurodance-90’er aus einer Frau und einem schwarzen GI bestanden. Witzig. Kommt mir jetzt nicht mit Aufzählungen – ich sagte „gefühlt“. Marky Mark war ja jetzt nicht gerade ’ne Sängerin und Prince Ital Joe (Ruhe in Frieden, Kumpel) vermutlich auch nicht bei der Armee. Aber „Life in the Streets“ war auf dem Soundtrack der Militärkomödie „Mr. Bill“ – das muss reichen. Der DJ hatte dann nochmal für ein gutes Dutzend Songs Erbarmen mit uns: Donna kam doch zu ihrer Playback-Audienz, die Fab Four liefen mit mindestens ebenso vielen fabelhaften Songs, wir durften twisten und sogar Ray Charles und die Supremes wurden bemüht. Bin ja genügsam – das reichte für ein versöhnliches Ende im sonst doch uneingeschränkt charmanten Dean’s. Was bleibt, ist vor allem die Erkenntnis, dass in Hartmut Englers Nase locker ein ganzes Abenteuerland passt. Sagt Metakognitiva. Bin da ganz bei ihr. Und wer weiß, was noch alles.

Wo wir jetzt aber einmal so schön in der Vergangenheit klebten, erschien die 90’er Party im Cave Noir wie die wahrgewordene Prophezeiung. Herz an Herz – love is in the air! Das Motto ansich war schon eine Verheißung. Dass die Tanzfläche hier erst recht nur die Ausmaße eines Joghurtbechers hatte, war zu später Stunde sowieso egal. Tanzen kann man ja auch auf dem Bürgersteig. Auf der Meile. Da ist die Luft auch gleich viel besser. Fools Garden singen und ich tanze wie Rumpelstilzchen um den Lemon Tree. Mich bei so einem Motto musikalisch glücklich zu machen, ist wirklich nicht schwer. Haddaway und Dr. Alban müssen her und im besten Fall kommt der DJ ohne Whigfield aus. Aber was hat man davon, wenn man seine Erwartungen bestialisch runterschraubt: Take That und Caught in the Act. Genau, nimm dies und kotz in die Ecke (um den zeitgenössischen Pöbeleien von damals gleich mal treu zu bleiben)! Erschreckender Weise konnte ich locker 60 % des Textes. Da wusste ich gar nicht so recht, auf wen ich meinen Ärger mehr richten sollte – den Mann hinter den Plattentellern oder mich. Ich hatte kurz überlegt, mit Protestschildern vor dem Cave auf und ab zu marschieren. Oder der Playlist durch das Posten eines Facebook-Fotos zu widersprechen – klappt ja bei den AGB’s auch bestens. Nein, sorg dich nicht um mich. Du weißt, ich liebe das Leben. Diese Steilvorlage musste ich einfach nutzen, um nachhause zu gehen. Nach dieser Hymne könnte es nur noch bergab gehen. Danke, Vicky! Die Macht der Nacht. Nicht, dass sich noch rausstellt, dass ich auch Songtexte von Roberto Blanco kenne. Was mich beruhigt: ich musste googeln, da ich nicht sicher war, ob er sich mit C oder K schreibt. Auf dem Heimweg habe ich übrigens Marky Mark angemacht – das nennt man dann musikalischen Frieden oder wie er sagen würde „Good Vibrations“.

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