In Column on
23. Januar 2015

Respect.

Jeder wünscht ihn sich; von seinem Gegenüber, seinem Nachbarn, seinem Kollegen, dem Busfahrer, der Kassiererin im Supermarkt etc. Respekt. Was Höflichkeitsfloskeln oder der Knigge für die reale Begegnung regeln, soll in der medialen Kommunikation die Netiquette/Chatiquette richten. Keine Beleidigung, keine Diffamierung, kein Bloßstellen. Doch in Zeiten unbegrenzter Kommunikationsmöglichkeiten lässt genau das immer häufiger zu wünschen übrig. Egal, ob auf Social Media Plattformen, wie Facebook, Instagram & Co oder News-Websites mit Kommentarfunktion, überall wird übereinander hergezogen, gehetzt und beleidigt. Häufig findet das in einem solchen Ausmaß an “unter-der-Gürtellinie” statt, dass ich mich mittlerweile dazu entschieden habe, auf bestimmten Websites keine Kommentare mehr zu lesen, geschweige denn selbst einen zu schreiben. Dabei habe ich auf Grund des Inhalts eines Artikels oder eines Posts, den ich gerade gelesen habe, oft den ersten Impuls, mich in einem Kommentar damit auseinanderzusetzen.Der mediale (Un-)Umgang miteinander, auf den ich in der letzten Zeit immer wieder gestoßen bin, hat mir die Lust darauf fast gänzlich genommen. Und das ärgert mich. So sehr, dass ich mich gefragt habe, was es ist, dass Menschen, die einander im realen Leben gar nicht kennen, so hemmungslos und abgrundtief hässlich über einen anderen Menschen oder eine andere Gruppierung urteilen lassen? Wie kann es sein, dass die vermeintliche Anonymität des Internets, Menschen jegliche Form von Anstand und Respekt vor anderen Menschen verlieren lassen?

Das Internet bietet die nahezu unendlichen Möglichkeiten, seine Meinung zu allem und jedem kundzutun und man hat fast den Eindruck, dass Teile der Menschheit nur darauf gewartet haben, sich öffentlich äußern zu können, ohne mit einem Namen oder einem Gesicht verbunden zu werden. Was aber ist aus unseren ethischen Werten und Normen geworden? Werden die vor dem Gang ins Internet fein säuberlich in den Schrank geräumt? Ist es im Internet egal geworden, was andere von einem denken, so dass man ungebremst und ungefiltert andere Menschen angreift und damit in Kauf nimmt, sich selbst auch angreifbar zu machen? Ist ja egal, wozu gibt es Avatare und Nicknames. Aber ist das wirklich der Grund?
In der Wissenschaft wird vom “Disinhibition Effect” gesprochen. Der US-amerikanische Professor der Klinischen Psychologie Dr. John Suler hat das Online-Kommunikationsverhalten von Menschen untersucht und diesem “Online-Enthemmungseffekt” sechs Faktoren zugeschrieben:

1. Dissoziative Anonymität (“Weiß ja keiner, dass ich das war.”),
2. Unsichtbarkeit (“Ich sitze vor meinem Rechner, keiner sieht mich.”),
3. Asynchronität (Keine Echtzeit),
4. Solipsistische Introjektion (Ichbezogene internalisierte Objektwahrnehmung),
5. Dissoziative Vorstellungskraft (“Ich mach mir meine Welt, wie sie mir gefällt.”),
6. Minimalisierung von Autorität (“Ich darf tun und lassen, was ich will.).

Das Internet wird zum Ort, an dem Impulsen ungezügelt nachgegeben werden darf und die Meinungsfreiheit erlaubt mir, in der Kommunikation “unter Gleichen” den Ton selbst zu wählen. Warum aber scheint sich eine Online-Diskussionskultur kaum kultivieren zu lassen? Eine Studie zeigt, dass die als “Trolle” bezeichneten Internetnutzer, die nicht nur Privatmenschen, sondern mittlerweile auch ganzen Unternehmen den Onlinekampf angesagt haben, oft sadistisch veranlagt sind und mit ihren Shitstorms und Hassparaden dafür sorgen, sich gut zu fühlen. Jemanden online zu quälen, ohne dabei zur Rechenschaft gezogen werden zu können, ist für sie dabei fast so, wie einen Orgasmus zu erleben. Was aber tun gegen diese Trolle? Verbieten kann man sie ja schließlich nicht. Die Berliner Journalistin Ebru Taşdemir hatte die Nase voll davon, sich von rassistischen und hasserfüllten Leserbriefen die Laune verderben zu lassen und hat zusammen mit anderen Journalisten einen etwas anderen Poetry-Slam ins Leben gerufen: den sogenannten “Hate-Poetry“-Slam. Anstatt selbstgeschriebener Texte werden hier rassistische Leserbriefe und Kommentare, die sich vor allem gegen Journalisten mit Migrationshintergrund richten, zum Slam-Gegenstand. Für Yassin Musharbash, “ZEIT”-Redakteur und Experte für Islamismus und rechten Terror, bedeutet diese Form der Verarbeitung solcher Briefe Erleichterung. Anstatt Drohungen nach dem Feierabend alleine mit auf das heimische Sofa zu nehmen, schicken wir “den Scheiß zurück in die Umlaufbahn.”. Christiane Eichenberg, Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Medien an der Sigmund Freud Privat Universität in Wien rät dazu, sich gar nicht erst auf derartige Debatten einzulassen. “Don’t feed the trolls.”
Letzteres entspräche meinem Ansatz des Rückzugs. Das große Aber dabei ist jedoch der Umstand, dass die einen ihr Recht auf Meinungsfreiheit übel missbrauchen, indem sie andere diffamieren und damit wiederum andere (in diesem Fall mich) davon abhalten, ihre Meinungsfreiheit wahrzunehmen. Was bleibt einem also noch übrig? Genau, das Positive hochhalten, intensivieren, verbreiten. So beging das Handelsblatt Anfang Oktober letzten Jahres die “Aktionswoche für eine bessere Debattenkultur” und warb mit dem Motto “Wider dem rauen Ton im Netz”. Ein Freund von mir sagte mal, man dürfe menschenfeindlichen und rechtsextremistischen Gruppierungen nicht gleichermaßen mit Hass begegnen, man solle sie ganz im Gegenteil mit Blumen beschmeißen. (Damals ging es um ein probates Mittel, einem NPD-Aufmarsch zu begegnen.) Was zuerst irgendwie bekloppt klingt, macht in der Quintessenz Sinn. Denn bezogen auf den Sadisten, der wahrscheinlich sehr einsam und mit mickrigem Selbstwertgefühl in seinem stillen Kämmerlein vor dem Computer hockt und Hetzparolen durchs Internet jagt, lebt dieser von der offensichtlichen Kränkung und dem darauf eingehen seines Gegenübers auf dessen Angriffe. Reagiert dieser nicht, wie von ihm erwartet, könnte dies ein Weg sein, dem Störenfried das Spiel zu verderben. Wahrlich kostet dies Kraft und nicht immer ist man bereit oder im Stande dazu, soviel Liebe aufzubringen. Aber ich denke, dass nur durch ein positives Entgegensetzen, eine Art Regulierung stattfinden kann. Ich plädiere daher für mehr Freundlichkeit im Netz. So wie ich im “realen” Leben andere behandle und behandelt werden möchte, so gilt für mich das Gleiche selbstverständlich auch im digitalen Umgang mit Menschen. Lasst uns respektvoll miteinander umgehen und konstruktiv diskutieren. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein tolles Wochenende. Habt es schön! S.

Bildquelle. ARD.de

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Teile dieses Beitrags stehen unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. | Quelle: Christiane Eichenberg, Yassin Musharbash, Dirk von Gehlen, Martin Walter
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