Psycho-Hygiene einer Studentin im 1. Semester des Studiums der Sozialen Arbeit beim Schreiben ihrer ersten Hausarbeit mit dem Thema „Die Informationsgesellschaft und ihre Funktion für die Soziale Arbeit“

Es ist Freitag, Freitag der 13. Im Juni des Jahres 2008. Heute hatte ich keine Vorlesung, dennoch lag ich ab kurz nach halb sechs Uhr morgens wach in meinem Bett. Es war aber keine angenehme Wachsamkeit, es war eine Art „Wach-Starre“, in der ich nun schon seit Tagen dahinvegetiere, mich jeden Tag zur UB schleppe, immer mit dem Ziel, etwas für meine Hausarbeit zu „schaffen“. Es liegt also zunächst einmal nicht an mangelndem Zeitaufwand, den ich meiner Hausarbeit zukommen lassen würde, dass ich an einem Punkt vollkommener Hilflosigkeit und übertriebener gedanklicher Selbstaufgabe angekommen bin. Was habe ich denn bisher getan? Ich habe mir zwei Bücher, sowie ein Dutzend Aufsätze „Die Informationsgesellschaft“, „Sozialinformatik“ und „Soziale Arbeit in der Informationsgesellschaft“ behandelnd gewälzt, gelesen, z. T. verstanden, z. T. auch überhaupt nicht, z. T. ausgewertet, mit ätzend grellem Textmarker vermeintlich signifikante Textstellen angestrichen, wieder weggelegt, mit der Faust wütend drauf rumgetrommelt und anschließend fast beschwichtigend vorsichtig wieder aufgeschlagen.
Ich bin sogar soweit, dass ich es zu einer ersten Einleitung geschafft habe! Aber was ich dort formuliert hab, befriedigt mich überhaupt nicht. Ich lese es, werde mit jedem Wort kritischer, lösche, füge wieder ein. Hauptproblem bei all dem ist, dass ich nicht weiß, wo ich hin will. Ich habe einen groben Gedanken, was diese Arbeit beinhalten soll, aber ich kriege dennoch keinen festen Rahmen hin, an den ich mich orientieren könnte. Noch nicht einmal ein annäherndes Gerüst. Es muss mich ja nicht gänzlich halten, aber irgendetwas in der Hand würde mir helfen und mir Mut machen, anzufangen, mein Fundament Stein auf Stein weiter auszubauen und stabiler werden zu lassen. Leider fühle ich mich von dem weit entfernt und mich plagen erste selbstzerstörende Zweifel. Gedanken wie „Du bist zu dumm dafür“, „Du hast es einfach nicht drauf“, „Du schaffst das nie“. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich selber mal so blockieren würde. Aber genau DAS ist es: eine Blockade, die ich nicht zu überwinden weiß.
Ich versuche mich zeitweise von der Hausarbeit zu lösen, um mich auf anderem Wege dafür locker zu machen. Aber dabei handelt es auch nur um klägliche Fluchtversuche, und diese Flucht geht nicht nach vorne, wie erstrebt. Dass ich das hier schreibe und zu Papier bringe, ist ein weiterer Schritt meiner mir schon selbst verordneten „Hausarbeitschreibblockadentherapie“. Wenn ich in Worte fasse, was meine Verzweiflung ausmacht, vielleicht springt mir dann aus den Zeilen entgegen, was mein Problem ist. Es ist ein Wunsch, ein tiefer, diese Hausarbeit zu schreiben, vielmehr sie verdammt gut zu schreiben. Ordentlichen Scheißdruck mache ich mir, soviel weiß ich schon. Meine erste Hausarbeit – und ich habe den Anspruch, alles richtig zu machen. „Das ist Käse“, sagt mir eine Stimme in meinem Kopf. „Voll nicht!“, antwortet eine andere. Der Stress geht nicht weg. In mir zerreißen sich Vernunft, Gewissen, Zukunftsangst, Selbstzweifel, als würde es keinen Morgen geben, führen einen komplett dämlichen Krieg in mir, den ich nicht zu stoppen weiß, aber den ich mittlerweile schon hasse, was dazu führt, dass ich anfange mich zu hassen, weil ich mir selber die Zügel aus der Hand nehme, von „etwas“, was ich selber bin. Klar. Das ist katastrophal und so habe ich mich noch nie gefühlt.
Ich sehe aus dem Fenster der UB, werfe einen Hilfe schreienden Blick in die dunklen Wolken, die auf überzogene Art und Weise meine tiefdüstere Stimmung unterstreichen. Als würde sich gleich eine Gottesgestalt aus dem Gewölk pellen und mir die fehlende Inspiration und Geduld entgegenstrecken – als kleine Aufmerksamkeit des Himmels. Tz! Am liebsten würde ich laut schreien, im Kreis laufen und wild mit meinen Armen umherschwenken. Vielleicht sollte ich das einfach tun, aber dazu ist es mir draußen vor dem Bibliotheksgebäude zu öffentlich, ganz zu schweigen von hier drinnen. Hier ist alles ruhig, wie es sich für eine Bücherei gehört. Um mich herum sitzen analog schreibende und tippende Studenten, die konzentriert arbeiten und keiner sieht im Entferntesten so verzweifelt aus wie ich. Ich gebe alle fünf Minuten ein durchaus hörbares kapitulierendes Seufzen von mir, werfe mir die Hände in mein nahezu schmerzverzerrt dreinschauendes Gesicht, raufe mir die Haare oder stehe auf und gehe eine rauchen. Aber selbst die Zigarette, fern von meinen Hausarbeitsunterlagen gibt mir nicht das, was ich mir erhofft habe. Es hilft im Moment rein gar nichts. Was soll ich nur tun? Ich kann hier ja nicht noch mehr Schwachsinn von mir geben. Komischerweise geht das… Ich könnte mich hier locker auf 10 Seiten (vorgegebene Höchstlänge meiner Hausarbeit) darüber auslassen, was in mir vorgeht, bzw. eben nicht vorgeht, aber am Thema arbeiten, das will einfach nicht funktionieren………..
Ich bin ein klitzekleines Stückchen vorangekommen. Man soll sich ja über noch so jeden kleinen Erfolg freuen, heißt es. In mir kommt keine Freude auf, im Gegenteil. Das, was meine Hausarbeit bisher ausmacht ist ein jämmerlicher Haufen Zusammengepuzzeltes. Für mich ist kaum ein ersichtlich roter Faden vorhanden, schon mal ganz schlecht. Vielleicht bin ich auch viel zu selbstkritisch? Was soll es denn werden, Sarah? Eine Hausarbeit, genau. Was ist eine Hausarbeit? Mein Dozent definiert die Hausarbeit als „schriftliches Beweisstück darüber, ob ich wissenschaftlich arbeiten kann“. Wissenschaftlich… Nein, kann ich nicht. Wie auch. Ich hab’s ja noch nie vorher gemacht. Wie soll ich da von Können sprechen? Es ist ein kläglicher Versuch, von anderen bereits Gesagtes bzw. Geschriebenes in meinen Worten wiederzugeben, auf wissenschaftlich akkurate Art und Weise zu zitieren, gegenüber zu stellen und evtl. sogar abzuwägen, zu etwas wie einer Entscheidung zu kommen. Stellung beziehen sozusagen. Wo steh ich denn? Indem ich zwei Bücher und ein Dutzend Aufsätze gelesen habe, fehlt mir immer noch ein erheblicher Informationsbrocken, der mich persönlich schlussfolgern lassen könnte. Und so bleibt für mich das Ganze recht schwammig, was sicher einen weiteren Bestandteil meiner „Blockade“ ausmacht.
(to be continued)

One Thought on “Throwback Thursday: Hausarbeitschreibblockade

  1. Anke Kuhrt on 7. Juni 2015 at 19:55 said:

    Hallo Sarah,
    ich bin zufälliger weise auf deinen Blog gestoßen und habe mich beim Lesen über das Anfertigen der Hausarbeit total wieder gefunden. Ich mache gerade eine Ausbildung zur Erzieherin und musste vor kurzem meine erste Hausarbeit schreiben 10-20 Seiten. Ich habe mich wochenlang nur gequält. Ich bin mit dem Gedanken schlafen gegangen,:Du mußt die Arbeit schreiben. Und ich bin mit diesem Gedanken aufgestanden.immer das schlechte Gewissen, weil ich dachte ich hab zu wenig gemacht. Am Ende waren es 16 Seiten, die von der Ausbildungbegleiterin sehr gelobt wurden. Ich selbst habe es nicht so gesehen, irgendwie fehlte mir am Ende der klare Blick darauf. Ich hatte nur Durcheinander im Kopf. Aber, es hat sich gelohnt. Mir wurde gesagt, ich kann es sehr gut. Das wiederum hat mich sehr gefreut.
    Die nächste Hausarbeit wartet schon…
    Liebe Grüße
    Anke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation