In Column on
2. November 2014

„Verschwende nicht dein Leben“

Es ist ziemlich schnell Herbst geworden da draußen. Heute ist allerdings so ein Tag, an dem man schneller den Eindruck gewinnt, dass es Frühling wird, als dass nun die kalte Jahreszeit anbricht. Novemberanfang und das Thermometer zeigt milde 20 Grad an. Nichtsdestotrotz hält der Herbst Einzug in unsere Welt: die Indian Summer gefärbten Blätter fallen von den Bäumen, das Strickwarengeschäft boomt, die weihnachtlichen Vorankündigungen sind nicht mehr ganz so subtil und der Journalismus setzt sich mit bedeutungsschwangeren, gesellschaftsimmanenten Thematiken auseinander. Es ist noch gar nicht so lange her, da erlag ich zu dieser Jahreszeit regelmäßig dem Zwang, mir diese bedeutungsschwangeren und gesellschaftsimmanenten Thematiken zu eigen zu machen, wie eine Schablone auf mein kleines Leben zu schieben und immer wieder festzustellen, dass es an allen Ecken und Enden nicht zum glücklich sein ausreichte. Warum ich das streckenweise in stoischer, und an z.T. nahe der inneren Selbstzerstörung grenzenden Perfektion betrieben habe, war mir lange Zeit ein Rätsel. Ich komme mir unsagbar alt und zugleich neunmalklug vor, wenn mir die Antwort(en) darauf heute retrospektiv alles andere als schwer fallen. „Verschwende nicht dein Leben“ – was meint in diesem Kontext eigentlich Verschwendung? Ist es verschwendete Zeit, wenn ich anstatt moralischer drei vielleicht doch acht Frösche küssen muss, um meinen Prinzen zu finden? Ist es verschwendete Zeit, wenn ich die Phase entfesselten Rock’n’Rolls länger als mir vielleicht gut tut auskoste? Ist es verschwendete Zeit, wenn ich mein Erststudium nach drei Semestern abbreche, um danach beruflich doch die komplett entgegengesetzte Richtung einzuschlagen? Was einem nie jemand erklärt, ist, dass die Bedeutung von „Verschwendung“ in diesem Zusammenhang äußerst subjektiv interpretiert wird, von der Gesellschaft, von Modemagazinen oder von den eigenen Eltern. Aber all diese Interpretationen von gut und schlecht prasseln in ebenso vielfältiger Art und Form auf junge Menschen ein, wie die Angebote des Lebens. Und diese Angebotspalette ist größer als alle Modeketten der Welt zusammen aufbringen könnten. Und so beginnst du dein Leben, packst mal hier zu, kostest mal da, bleibst mal dort eine Stunde länger und rennst regelmäßig wieder zurück in deine Komfortzone. Was dich treibt, sind auf der einen Seite der natürliche Drang der Suche nach dir und dem Leben selbst, auf der anderen Seite dem gleichermaßen natürlichen Druck zu genügen, respektive die an dich gestellten Erwartungen zu übertreffen. Nun ist so ein Herbst so etwas wie ein Abschied. Vom Sommer, von Grillpartys, von zu kurzen Jeansshorts und von diesem bestimmten Lebensgefühl, von dem man alljährlich im Frühjahr spricht, wenn man sagt, dass die Lebensgeister wieder erweckt würden. Und mit diesem Jahreszeiten- und Gemütswechsel kommen die kleinen, stillen Momente, in denen Erinnerungen Farbe annehmen, manchmal zu grell, manchmal zu blass. Und als junger Mensch werden dann diese Stimmen sehr laut, die für dich gedanklich einen Strich unter den Sommer ziehen und dir darunter im besten Falle eine zynische Summe nicht erreichter Erwartungen, im schlimmsten Fall Differenzbeträge in gefühlter sechsstelliger Höhe kritzeln. Diese Rechnungen mache ich heute nicht mehr. Was mir vor 10 Jahren nicht gelingen wollte, war einen klaren Blick auf mein Leben zu haben. Mit jeder existenziellen Entscheidung mehr, die ich getroffen habe, wurde für mich klarer, mit welchen Maßstäben ich messen muss, um glücklich zu sein, aus Fremdbestimmung wurde Selbstbestimmung. Wenn ich mich heute durch die Posts meiner Instagram-Follower durchklicke, dann ist es meine ganz eigene Entscheidung, ob das Mehr an Klamotten und bereisten Orten dieser Welt mich mein Leben anzweifeln lässt. Wenn ich heute meinen Dad anrufe und ihm erzähle, dass ich mich wegbewerben will, dann ist es auch meine ganz eigene Entscheidung, wieviel Steuerung ich durch seine Ratschläge, Bedenken etc. zulasse. So schaue ich nun auf den vergangenen Sommer zurück und bin glücklich über jeden einzelnen Tag. Ich bin glücklich über jeden Erfolg, aber auch jeder Fehler, den ich begangen habe, trübt dieses Glück nicht, da ich heute auch sehr viel besser als vor 10 Jahren weiß, wie wichtig diese Fehler für das Leben sind.

Ich hab gerade das bisher Geschriebene gegengelesen und festgestellt, dass ich in meinen Ausführungen nun auch äußerst bedeutungsschwanger geworden bin. Normalerweise legt man ja in den ersten einführenden Sätzen dar, was einen zum Schreiben des nachfolgenden Inhalts bewegt, aber da mich lediglich ein Blick aus meinem Wohnzimmerfenster in den orange-roten Blätterwald des Braunschweiger Viewegsgarten zum Bloggen animierte, kann ich darüber hinaus auch jetzt erst summieren, warum es mir so wichtig war, dies zu schreiben. Tatsächlich muss ich nämlich zugeben, dass ich vor ein paar Tagen den auf welt.de veröffentlichten Artikel „Warum die Generation Y so unglücklich ist“ gelesen habe und sich mir beim Lesen ein kleiner innerer Widerstand gebildet hat. Wer also jetzt denkt, „Sarah, was soll zum Deivel soll der Blogpost?“, den ermuntere ich dazu, den Beitrag zu lesen (noch besser: im Original von Tim Urban).

PS: Ich wurde neulich gefragt, ob ich während des Bloggens Musik höre. Den Soundtrack für diesen Blogpost werden einige wahrscheinlich ziemlich albern finden, aber für mich passte er sehr gut in meinen Flow. http://amzn.to/1rN3jF3

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